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DR. WATSON Reportage:
Apetito: Wunsch und Wirklichkeit / Ein Werksbesuch mit DR. WATSON
Hexenküche der Chemie für unsere Kinder
Von Hans-Ulrich Grimm
Realitätsschock bei Apetito, dem Konzern, der unseren Kindern das Essen in die Kita liefert. 1,3 Millionen Essen produzieren sie hier, in dieser Fabrik. Jeden Tag. Das Schöne ist ja eigentlich, dass der Konzern genau weiß, was wir Eltern wollen. Pure Natur! Keine Chemie! Gesundes Essen! Und die Wirklichkeit? Gestern war Werksbesuch, und DR. WATSON war dabei.
DRINNEN KEINE FOTOS! DR.WATSON-Redakteur Hans-Ulrich Grimm nach dem Besuch in dem Konzern, der unsere Kinder abspeist.

DRINNEN KEINE FOTOS! DR.WATSON-Redakteur Hans-Ulrich Grimm nach dem Besuch in dem Konzern, der unsere Kinder abspeist.
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Das Rendezvous mit der Realität: Dazu gehört auch die Szene am Regal, in der Versuchsküche. Dort, wo es fast noch wie in einer richtigen Küche zuhause aussieht. Herd, Kochlöffel, Töpfe. Aber dann entdeckt einer aus unserer Gruppe etwas, das er nicht hätte sehen sollen. Diverse graue Plastikflaschen, darunter eine, auf der steht: „R 140112 Aroma natürlich Rind“. Und auf einer anderen: „R 140313 Aroma Huhn I“.

Industrielle Aromen, der Geschmack aus dem Labor. Der chemisch erzeugte Schwindel-Geschmack, der dick macht, den Geschmackssinn unserer Kinder austrickst, und ihren Körper fehlprogrammiert fürs Leben.

Und das im Kita-Essen für unsere Kinder, im Menü von Apetito?

Jetzt sind die Apetito-Leute natürlich alarmiert, unsere Führerin und der Mann aus der Versuchsküche. Das wurde „aus dem deutschen Essen komplett entfernt.“ Aroma, das sei ein „absolutes No Go“, jedenfalls für deutsche Kunden: „Nur die Holländer, die kriegen das noch.“

Ist das jetzt wahr? Oder sagen die das nur so? Weil einer aus unserer Gruppe gesehen hat, was er nicht sehen sollte: die Realität.

Dafür sind sie gestern eigentlich angereist: Sie wollte sich mal anschauen, wie das Essen produziert wird, das ihre Kinder in der Kita zukünftig kriegen. Zwei Stunden sind sie gefahren, der Bürgermeister des Ortes, der Kitaleiter, seine Stellvertreterin, und ein Vater von zwei Kita-Kindern, die zwei und vier Jahre alt sind.

Die Kleinen sind natürlich nicht dabei. Ist ja auch nichts für Kinder, so eine Fabrik, mit den riesigen Hallen, den Maschinen, den silbernen Silos, rauchenden Schloten, den Gabelstaplern und den Lastwagen, die übers Gelände rollen.

Der Papa war ja selber schockiert, wie er hinterher gestand.

„Sieht aus wie bei VW“, sagt einer aus der Gruppe, die aus der Nähe von Hannover kommt.

Die Führerin protestiert gleich: So etwas hören sie hier gar nicht gern. Die Eltern sollen ja nicht merken, dass das Essen für ihre Kinder aus einer Fabrik kommt.

Aber da ist schon was dran. Es ist tatsächlich ein ziemlich weitläufiges Industriegelände, über das unsere kleine Gruppe tourt. Jetzt gehen wir durch eine grüne Stahltür. Zaun. Stacheldraht.

Ab hier gilt: „Fotografieren verboten auf dem ganzen Betriebsgelände.“ So sagt das unsere Führerin, und zwar sehr streng, und so steht das auch auf dem Schild.

Das riesige Gelände hat der Firmengründer schon vor Jahrzehnten gekauft, in weiser Voraussicht: Denn die Cateringbranche boomt, immer mehr Kinder in den Kitas bekommen das Essen aus den Fabriken.

Apetito ist heute ein stolzer Konzern mit 8688 Mitarbeitern, der insgesamt 840 Millionen Euro Umsatz meldet und 40 Millionen Euro Gewinn nach Steuern. Sie sind international aktiv, sogar in Großbritannien und in Kanada. Für ganz Deutschland produzieren sie hier, auch „für Österreich, Spanien und die Niederlande“, sagt stolz unsere Führerin, die sehr nett ist, nicht ganz schlank, mit grauer Jeans, gemustertem T-Shirt, dunkler Jacke und blonden Haaren, hinten zusammengebunden.

1,3 Millionen Essen produzieren sie jeden Tag in dieser Fabrik hier in Rheine, einer Stadt mit 75000 Einwohnern zwischen Ruhrgebiet und Ostfriesland, nahe der holländischen Grenze.

Und sie produzieren nicht nur für Kinder, auch für Alte, und für Aldi, Lidl, Rewe, Edeka, die Packungen sind in gläsernen Vitrinen ausgestellt: „Pfanntastico“ zum Beispiel, Paella im Plastikpack („raffiniert und knackig“). Sie sind eine ganz normale Fabrik für das, was man neudeutsch „Convenience Food“ nennt, Bequemlichkeitsessen, das heute ja bei vielen ein bisschen in Verruf ist.

Gerade für die Kinder ist das natürlich nicht so super, wenn sie schon gleich am Anfang ihres Lebens auf Fertigfutter geprägt werden. Da wäre echtes Essen schon besser als eine geballte Ladung Chemie.

Deshalb reden sie bei Apetito, wenn es um die Kinder geht, mehr von Natürlichkeit, frischen Zutaten, echtem Geschmack, eben dem, was die Eltern so hören wollen.

Und so haben sie eine perfekte Inszenierung um die Wirklichkeit herum gesponnen, eine perfekte Hülle aus Illusionen, so dicht wie möglich. Und sehr wirksam: Denn von der Realität kriegen die meisten Eltern ja nichts mit. Sie sehen nur die Inszenierung, im Internet, zu Beispiel, oder den Broschüren, die die Apetito-Leute in den Kindergärten verteilen.

Und selbst hier ist die Besichtigung perfekt inszeniert, gleich am Eingang links gibt es eine offene Küche, überall ist Obst zu sehen, Gemüse, sogar einen kleinen grünen Dreirad-Lieferwagen aus den Pionierzeiten des Konzerns haben sie in einem Show-Raum aufgestellt (Aufschrift: „Obst – Gemüse – Südfrüchte“). So putzig!

Äpfel, Bananen, Paprika, Tomaten. Aber das ist hier eher so das Show-Material. Das gehört zur Inszenierung: Die Natürlichkeit. Die Tradition. Alles wie früher, so kommt das dann rüber. So wollen das die Eltern, und sie sollen sie kriegen, ihre Illusion. Sie werden hier auch begleitet von Sprüchen, auf Plakaten, damit der Kontakt mit der Realität immer wieder überformt wird von der Inszenierung.

Von den Bildern an den Wänden, mit Paprika und so, und den Plakaten mit Texten und tollen Sprüchen, die Eltern so gerne hören wollen: Da ist von „Nachhaltigkeit“ die Rede, und von der „Natürlichkeit der Zutaten“, der „Erntefrische“, dem „Geschmack pur Versprechen“. Ja! Toll! „Natürlicher Geschmacksreichtum“. Genau! Und dann noch, der absolute Top-Spruch: „Wir engagieren uns für ein gesundes Leben“. Das hören wir gern. Auch wenn da jetzt nicht steht, wo genau sie sich da engagieren. Manche werden womöglich sogar glauben: Mit dem Essen hier aus der Fabrik. So werden wir auf dem ganzen Rundgang mit Reklame bombardiert, und fast schafft sie es, die Wirklichkeit zu übertönen.

„Wir bieten Wohlfühl-Essen, das gut tut.“

Aber dann treffen wir doch auf die Wirklichkeit.

Denn manchmal dürfen wir durch ein Fenster gucken, zum Beispiel in diesen Fabriksaal, den sie hier tatsächlich „Küche“ nennen, und das, was die Werktätigen machen, bezeichnen sie als: „kochen“.

Doch es hilft alles nichts: Unsere Besuchergruppe kriegt jetzt den Realitätsschock. Der Vater aus der Kita jedenfalls war nachhaltig beeindruckt, und die anderen, sagt er, ebenfalls:

„Das war definitiv ein Schock. Dieses Industrielle, das hat mich schockiert, und das hab ich auch auf den Gesichtern der anderen gesehen. Wir kennen ja alle diese Werbebotschaften, mit den grünen Erbsen, Kiwis, Erdbeeren, und dann dieser krasse Bruch, dieser totale Kontrast! Diese riesigen silbernen Kanister, diese Berge von Fleisch und Mett, ich fand das extrem krass und wenig appetitlich. Dass da Leute in Gummistiefeln rumlaufen und das Essen kochen für meine Kinder. Wenn man das sieht, dass das das Essen ist, was dann unsere Kinder bekommen...“

Das war die Stelle, die er meint, an der sie am meisten schockiert waren: Diese Halle, vielleicht so groß wie zwei Tennisfelder, die ein bisschen aussah wie eine Raumstation in einem Science-Fiction-Film.

Der erste Eindruck: Es ist gar kein Essen zu sehen.

Zu sehen sind Maschinen, riesige, mattgraue, stählerne Kolosse, und Menschen mit weißen Kitteln, Gummistiefeln, und den typischen Duschhauben, die es überall gibt in den Food-Fabriken.

Immer wieder rollt ein Gabelstapler durch die Szene, der Kapitän steht aufrecht, blau-gelbe Weste über dem weißen Anzug. Von links nach rechts, dann entschwindet er, taucht wieder auf, schwebt zurück, von rechts nach links. Der Mann steht stabil.

Blaue Plastikboxen rollen über Fließbänder. Silberne Rohre reichen vom Boden bis zur Decke, dazwischen gelbe Kabel. Auf dem grünen Boden markieren gelbe Streifen spezielle Bereiche, wie die Raucherecken auf den Bahnsteigen.

Und halt, das da drin könnte Essen sein, eine orangerote Materie, in so einem oben offenen, rollenden, halbmeterhohen Stahlcontainer. Irgendeine Konsistenz zwischen fest und flüssig. “Das scheint eine Soße oder 'ne Suppe zu sein“, vermutet die Führerin.

Und schon geht es für das Wägelchen ab in den Aufzug, wie hinten am Müllauto, der fährt es hoch, es kippt, und die orangefarbene Materie ergießt sich in den Mischer, der 1000 Liter fasst. So viel wie acht Badewannen.

Dort hinten, da rollt sogar eine Art Badewanne vorbei, eckig, stählern, darin schwappt eine dunkle Flüssigkeit, ganz hinten, wo Frauen am Fließband stehen und die einzelnen Portionen in Plastikschalen legen, die dann gleich bei minus 40 Grad schockgefrostet werden und schließlich bei minus 24 Grad gelagert.

„Es steckt da unheimliches technisches Know-How drin“, sagt unsere Führerin, und sie wirkt ein bisschen stolz.

Und wir fragen, wie das eigentlich mit den Kartoffeln geht. Die werden ja bekanntlich braun, sobald sie geschält sind. Hier werden die Kartoffeln nicht braun, sagt die Führerin: „Die sind schon vorbehandelt.“

Aber wie? Vielleicht mit Zitronensäure, jenem Stoff mit dem Kürzel E330, der bei Kindern die Zähne übel angreifen kann, und sogar Aluminium ins Hirn transportieren, was bekanntlich ein Risiko ist für Alzheimer, aber auch Hyperaktivität, ADHS, eben das, was viele Kinder heute haben.

Also das mit der Zitronensäure, das hat unsere Führerin jetzt leider nicht so parat. Aber sie versichert, dass Apetito auf jeden Fall keine Zusatzstoffe verwendet.

So steht das ja auch in den Broschüren, die sie verteilen, und so schreiben sie es im Internet: Sie „verzichten auf Zusätze, wie Geschmacksverstärker oder geschmacksverstärkende Zutaten" .

Deshalb auch die Aufregung am Regal mit den Aromen. Dann wenn die ins Essen kämen, dann wäre das ja gelogen, was sie hier behaupten.

Also, da legen sie schon Wert drauf. Sie verwenden, sagt unsere Führerin, auch „keine Phosphate.“

Das sind jene allgegenwärtigen Zusätze, vor denen schon das Deutsche Ärzteblatt gewarnt hat, weil sie den Kalk aus den Knochen lösen, und in den Blutbahnen und am Herzen einlagern, was das Risiko für Herzkrankheiten erhöht, und ganz allgemein das Altern beschleunigt, krankheitsmäßig. Nicht gerade das, was wir uns für unsere Kinder erträumen.

Könnten wir denn vielleicht so ein Zutatenverzeichnis bekommen? Oder im Internet abrufen, so wie bei McDonald’s ?

Nein, bedauert unsere Führerin, so ein „komplettes Zutatenverzeichnis, das gibt’s nicht.“ Jedenfalls nicht für uns hier, bei Apetito, und auch im Internet nicht. Da müssten wir schon zuhause „die Kitaleitung fragen.“

Das machen natürlich die wenigsten Eltern. Und so wird ihnen die Konfrontation mit der Wirklichkeit erspart. Genau darin liegt wohl sogar das Erfolgsgeheimnis von Apetito, dem Catering-Giganten für Kitas. Dass die Eltern genau das kriegen, was sie möchten: Die Illusion, ihre Kinder bekämen von Apetito richtiges, natürliches, gesundes Essen. So, wie das in der Apetito-Inszenierung präsentiert wird, im Internet, auf den Broschüren, und auch hier beim Besuch in der Fabrik.

Vom Unterschied zwischen Wunschtraum und Wirklichkeit erfahren die Eltern natürlich auch in der Kita nichts.

In unserer Einrichtung zum Beispiel, da steht zwar gleich am Eingang so ein Pappkamerad, eine Comicfigur, mit einer weißen Kochmütze und dem Apetito-Logo drauf, und einem Schild, auf dem steht: „Das gab es heute zum Mittagessen“. Aber was da drin war, das steht nicht drauf. Auch die Küchenaufwärmkraft weiß nichts Genaueres. Sie hat zwar einen Speiseplan, der hängt in der Aufwärmküche: ein DIN-A-4-Blatt aus der Klarsichthülle. Was da wirklich drin ist, steht da aber auch nicht.

Da müssen wir dann doch zur Kita-Leitung ins Büro. Und in der Tat: Dort, im Bücherschrank, findet sich die komplette Zutatenliste.

Da steht alles drin. Nach Bestellnummern geordnet. Und jetzt endlich sehen wir klarer: Was es bei Apetito gibt, das ist die ganz normale Hexenküche der Chemie.

Wo nochmal sind da die Phosphate drin, die Knochenräuber, die das Alter beschleunigen, vor denen das Ärzteblatt warnt?

Zum Beispiel in dem Produkt mit der Bestellnummer 32551: Geschnittener Eierpfannkuchen (Kaiserschmarrn ohne Rosinen). Oder auch in dem mit der Nummer 32553, Pflaumenpfannkuchen, auch in 32558 (Herzhafter Pfannkuchen Spinat-Käse). Und in diversen anderen Pfannkuchen. Aber auch im Fisch im Backteig vom Alaska-Seelachs (Nummer 56491), den Fischnuggets vom Alaska-Seelachs im Backteig (Nummer 56487). Und dem Omelette Bauernschmaus (32552).

Auch die Zitronensäure (E330), die die Zähne angreift und Leichtmetall ins Hirn transportiert: Sie ist bei unseren Apetito-Kids praktisch allgegenwärtig.

In der Bio-Rindfleischfrikadelle beispielsweise (Bestellnummer 32018). Auch dem Grüne Bohnen Eintopf (23618), der Currywurst (23002) oder der Bio-Geflügelbratwurst (32446). Die Säure steckt bei Apetito auch in praktisch jeder Pizza. Und auch im Nachtisch, etwa dem Apfel-Bananenmus (1557).

Und das Aroma? Das, was angeblich nur noch die Holländer kriegen? Bei uns kriegen das auch die kleinen, unfreiwilligen Apetito-Kunden.

Der chemische Ersatz-Geschmack steckt zum Beispiel im Leckeren Apfel-Streusel-Kuchen (Bestellnummer 89722), dem Nudel-Gemüse-Menü Kickers mit Gemüsebällchen (23685), auch im Muffin Mix (89468), dem Huhnfleisch in Tomatensoße (93481) sowie dem Bohnen-Apfel-Eintopf mit Hackfleisch vom Rind (93484).

Und so etwas kriegen jetzt auch die Kinder aus der Kita unserer kleinen Besuchergruppe.

Den Termin für die Besichtigung in der Apetito-Fabrik bekamen sie übrigens erst nach dem Vertragsabschluss. Ganz so, wie wenn es beim Autohändler die Probefahrt erst gibt, wenn das Auto schon gekauft ist.

Aber für die meisten Eltern ist das ohnehin egal, sie wissen ja nicht, was ihre Kinder in Wahrheit schlucken, sie können weiter in der Wohlfühl-Welt kuscheln, die Apetito in der Werbung inszeniert.

Das Kind kriegt natürlich trotzdem die volle Dröhnung. Sein Körper wird ja nicht mit der Werbung konfrontiert, sondern mit der Wirklichkeit.



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Droemer Verlag 2017, 320 Seiten
ISBN: 978-3-426-27642-6


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