Chemie im Essen kann Ihre Gesundheit gefährden
 
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DR. WATSON exklusiv:
Über Politik, Professoren, Sponsoren und die Frage: Was sollen wir essen?
Achtsam knabbern
Von Hans-Ulrich Grimm
Achtsam knabbern - das war das Thema der vielleicht lustigsten „wissenschaftlichen“ Untersuchung, die bei einem Ernährungskongress diese Woche in der irischen Hauptstadt Dublin vorgestellt wurde, auf dem Symposion eines Sponsors, der zufällig zu den Weltmarktführern bei Knabbersachen gehört. Ich war mit einem Team des Fernsehsenders Arte dort. Die Fernsehleute hatten mich um Support gebeten bei der Aufklärung über die Verquickungen zwischen Professoren und Industrie.
DR. WATSON-Redakteur Hans-Ulrich Grimm (links) beim Arte-Interview mit Martin Blanchard (rechts) diese Woche in Dublin. Im Hintergrund das Konferenzgebäude.

DR. WATSON-Redakteur Hans-Ulrich Grimm (links) beim Arte-Interview mit Martin Blanchard (rechts) diese Woche in Dublin. Im Hintergrund das Konferenzgebäude.
© Cyril Thomas
Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) war mit von der Partie bei diesem Kongress der europäischen Fachgesellschaften, also den wichtigsten Ratgebern in Sachen Ernährung für Regierungen und auch Medien.

Es herrschte wie üblich eine große Einigkeit zwischen den Professoren und ihren Sponsoren, den großen Food-Konzernen.

Um das achtsame Knabbern ging es dabei auf einem Symposion des Knabberzeug-Konzerns Mondelez (Ritz, Oreo, Milka). Vorgestellt wurde unter anderem die Studie über ein spezielles Training, bei dem die Versuchspersonen lernen durften, wie man mit mehr Hingabe Produkte wie jene des Sponsors konsumieren kann.

Ob nun künftig alle Konsumenten, die bei Netto oder Aldi eine Tüte Knabbersachen kaufen, eine Schulung kriegen sollen, damit sie sich damit nicht einfach vor die Glotze knallen, oder wo sonst die Relevanz solcher Forschung liegt, konnte mir die Referentin auch nicht so recht erklären.

Der Hohenheimer Professor Stephan Bischoff, der vor langer Zeit auch für DR. WATSON tätig war, präsentierte in Dublin ein Projekt der Europäischen Union, an dem der Knabberkonzern ebenfalls beteiligt ist.

Bischoff ist sehr geschäftig, neben seiner Hauptaufgabe als ordentlicher Professor arbeitet er auch als Leiter einer Nestlé-Filiale an seiner Universität in Stuttgart-Hohenheim, der Abspeck-Tochterfirma des Konzerns namens Optifast .

Überdies ist er seit diesem Jahr auch hoher Funktionär der einflussreichsten Lobbytruppe der weltweiten Food-Industrie, getragen von Firmen wie Nestlé, Coca-Cola und Monsanto .

Er folgt damit dem obersten staatlichen Ernährungsforscher Deutschlands nach, der sich in den Ruhestand verabschiedet hat. Die deutsche Bundesregierung hatte an dem Engagement ihres obersten Ernährungsforschers als Funktionär der Foodindustrie-Lobby nichts auszusetzen.

Die Politik unterstützt solche innige Nähe zwischen ihren Wissenschaftlern und den Konzernen. Sie duldet das nicht nur, sondern fördert das mit Nachdruck, und zwar parteiübergreifend, unabhängig nach der farblichen Ausrichtung der jeweiligen Regierung, mithin auch in Ländern wie Baden-Württemberg mit einem zuständigen Ministerium unter grüner Führung. Da störe sich niemand an seinen Neben-Verpflichtungen, sagte mir der Lobby-Funktionär und baden-württembergische Landesbeamte Bischoff.

Für seine Aufgaben als Diener der Lobby bekommt er übrigens nicht einmal Geld. Das jedenfalls versicherte er mir bei unserem Gespräch - um so schlimmer, entgegnete ich: wenn wir Steuerzahler die von uns alimentierten Professoren auch noch gratis für die Konzerne Lobbyarbeit treiben lassen.

Auf der Seite der Konzerne war beim Kongress in Dublin sogar die Europäische Kommission unterwegs. Es ging um die Richtlinien für Ernährungsempfehlungen. Da glauben wir Konsumenten ja, die kämen von unabhängigen Experten oder gar Behörden.

Die Europäische Kommission hatte in Dublin dazu aber kein eigenes Symposion angesetzt, sondern ließ ihren zuständigen Beamten bei einer Lobbyveranstaltung auftreten, von einer Organisation, die wiederum von Firmen wie Ferrero, Mars, Nestlé, Coca-Cola getragen wird, aber vorwiegend finanziert von den Steuerzahlern und Konsumenten, etwa über die Europäische Union .

Es wirkte alles sehr seriös, sogar die Bezeichnung der Lobbytruppe klingt schwer amtlich: European Food Information Council (EUFIC). Und der Mann von der EU-Kommission, der auf den wohlklingenden Namen Stefan Storcksdieck genannt Bonsmann hört (@dr_food ), war früher selbst bei der Industrietruppe tätig und von dort direkt zur Europäischen Kommission gewechselt, deren Logo natürlich auf jeder Seite seiner Präsentation prangte. Nur von den Konzernen, die da im Hintergrund stehen, war nirgends die Rede, kein Logo zu sehen, auch nicht auf den Eufic-Werbeblättern, die auf allen Stühlen lagen: da strahlte stattdessen die sternengeschmückte blaue Fahne der Europäischen Union.

Nach ihm sprach noch eine Vertreterin der British Nutrition Foundation .

Klingt auch sehr seriös. Und wieder ging es um Ernährungsempfehlungen, was in diesem Fall besonders lustig ist, weil diese wohltätig wirkende Vereinigung in Wahrheit Firmen vertritt, deren Produkte dringend vermieden werden sollten, wenn einem die Gesundheit lieb ist.

So raten etwa die offiziellen Ernährungsempfehlungen in Brasilien , die unter Beobachtern als die besten der Welt gelten, den Konsumenten: „Vermeiden Sie den Verzehr von ultra-verarbeiteten Lebensmitteln.“

„Ultra-verarbeitete Nahrung“: Dazu zählen Produkte wie Coca-Cola, Hamburger, auch Tiefkühlpizzen, Fertignahrung, auch viele Produkte des Knabbergiganten Mondelez, und sogar industriell hergestellte Babygläschen wie jene von Hipp.

Die wissenschaftliche Kritik an diesen Problemprodukten, die von einer neuen Forschungsrichtung formuliert wird, kam auch auf dem Kongress in Dublin zur Sprache.

Es bahnt sich also ein Paradigmenwechsel an in der weltweiten, bisher von der Industrie dominierten Community der Ernährungsforscher. Immer mehr von ihnen wenden sich von den Konzernen an, wie jene renommierte australische Forscherin, die in einem Beirat von Nestlé war und da aber aus Gewissensgründen ausgestiegen ist, weil sie nichtlänger auf der „falschen Seite der Geschichte “ stehen möchte.

Unser Hohenheimer Professor Bischoff, ich habe ihn vor laufender Kamera gefragt, fühlt sich hingegen auf der Seite der Problemproduzenten noch ganz wohl. Er hofft sogar auf den weiteren Erfolg dieser Industrien, im Hinblick auf die Welternährung der Zukunft.

Es kann also hierzulande noch ein bisschen dauern mit der Zeitenwende in Sachen Ernährung und den zuständigen Experten.


Die 90minütige Arte-Dokumentation läuft übrigens im Herbst 2020, und im Frühjahr erscheint beim Droemer-Verlag ein neues Buch von mir über den weltweiten Kampf der Food-Konzerne um ihr Geschäftsmodell und die fragwürdige Rolle der Politik beim Schutz der Gesundheit der Konsumenten.
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