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03.11.2015

DR. WATSON News

Schlechte Laune dank Cola und Keksen?

Neue Studie: Junk Food macht depressiv und schädigt Gehirn und Nerven

Es muss nicht immer der November schuld sein, wenn die Stimmung sich eintrübt. Oder Scheidung, Jobverlust. Auch das Essen kann eine Rolle spielen. Darauf deutet eine neue Studie aus der Schweiz hin. Es mehren sich die wissenschaftlichen Hinweise, dass die Inhaltsstoffe der modernen Nahrung aus Supermarkt, Cafeteria, Tanke eine Rolle spielen, wenn immer mehr Menschen depressiv werden.

Trübe Sicht, trübe Stimmung: alles wegen des Essens von der Tanke?
DR. WATSON

Bisher galten, neben jahreszeitlich bedingten Umständen, vor allem die Lebensverhältnisse, etwa traumatische Erfahrungen, als Auslöser von Depressionen. Auch verbesserte Diagnostik gilt als Grund für zunehmende Krankheitsraten. Doch jetzt rückt auch die Nahrung ins Blickfeld, genauer: Die moderne Industrienahrung.

So sind jene Menschen häufiger depressiv, die mehr süße Soft Drinks, Kekse, Kuchen, verarbeitete Snacks oder andere stark verarbeitete Lebensmittel mit raffinierten Fetten, Zucker, Mehl und fettreiche Milchprodukte essen, kurz das, was es an der Tankstelle gibt, in der Cafeteria, im Supermarkt oder Fast-Food-Laden.

Die Ernährung mit solchen Produkten, die im Fachjargon als “Western Diet” bezeichnet wird, schlage aufs Gemüt, so das Ergebnis der neuen Studie von Forschern mehrerer Universitätsinstitute im schweizerischen Basel.

Tatsächlich werden immer mehr Menschen wegen Depressionen krankgeschrieben, wie eine jetzt veröffentlichte Untersuchung der Techniker Krankenkasse ergab.

Die Krankschreibungen hätten sich in den letzten Jahren verdreifacht, so der ebenfalls jüngst veröffentlichte Psycho-Report der DAK ergab.

Am häufigsten wegen Trübsinn zuhause bleiben müssen Hamburger.

Bisher kaum berücksichtigt wurde dabei die Rolle von Junk Food. Dabei mehren sich die Hinweise auf schädliche Wirkung der modernen Industrienahrung aufs Gehirn, auf Psyche und Denkfähigkeit. Manche Forscher wollen sogar herausgefunden haben, dass die moderne Nahrung das Hirn schrumpfen lasse.

Über hundert solcher Studien über die Effekte des Essens auf die Stimmungslage des Menschen werteten die Schweizer Forscher aus, unter Leitung von Undine Lang, Direktorin der Erwachsenenpsychiatrischen Klinik und Privatklinik Basel.

Der Zusammenhang war deutlich: Je mehr industriell erzeugte Lebensmittel mit einem hohen Anteil von Zucker und schlechten Fetten die Leute zu sich nahmen, desto schlechter war ihre Stimmung. Das zeigte sich unter anderem in sogenannten prospektiven Längstschnittstudien, in denen eine bestimmte Anzahl von Teilnehmern über längere Zeit beobachtet wurde.

„Zudem zeigte sich der Verzehr von gesüßten Getränken, raffinierten Lebensmitteln, frittiertem Essen, verarbeitetem Fleisch, raffiniertem Getreide sowie eine hohe Fettaufnahme, das mahlzeitenungebundene Essen von Keksen und Gebäck in Längsschnittstudien als mit einem erhöhten Risiko für Depressionen assoziiert“, so die Autoren der Studie.

Woran das liegt?

Die Schweizer Forscher vermuten, dass in Junk Food wichtige Nähstoffe fehlten: Magnesium oder Calcium etwa, aber auch Chrom, Eisen, Zink und bestimmte B-Vitamine. Außerdem mangele es ungesättigten Fettsäuren, vor allem den berühmten Omega-3-Fetten. Die zeigen bekanntlich einen deutlich positiven Effekt auf die Stimmung – sind aber leider nicht so lange haltbar und daher bei der Food-Industrie unbeliebt, die ihre Waren gern möglichst lange verkäuflich halten möchte.

Entscheidend seien aber auch entzündungsfördernde Substanzen im industriell geprägten Essen. Besonders die industriellen Transfettsäuren, die beim Härten von Fetten entstehen und im Gehirn unter anderem zu Zellschäden führen.

Die Zusammenhänge zwischen Ernährung und psychischer Befindlichkeit seien komplex, so Lang und Kollegen. Soziale und psychologische Faktoren etwa bestimmen die Nahrungsauswahl und -zusammensetzung, welche wiederum die Darmflora beeinflusst. Und damit indirekt auch die Freisetzung der Hormone im Darm, welche wiederum die Stimmung des Menschen sowie seinen Stresslevel bestimmen.

Antidepressiv wirke etwa das Hungerhormon Ghrelin, verstimmungsverstärkend hingegen das Schlankhormon Leptin. Das richtige Maß an Insulin wiederum, welches unter anderem für den Blutzucker aber auch den Fettabbau zuständig ist, schützt vor schlechter Laune.

Auch ein Mangel an einem in der Fachsprache als BDNF („Brain-derived neurotrophic factor“ zu deutsch etwa: „Vom Gehirn stammender Nervennahrungs-Faktor“) bezeichneten Wachstumsfaktor für Nervenzellen bringt ein erhöhtes Risiko für Depressionen mit sich. Menschen, bei denen zuviel BDNF freigesetzt wird, können darauf mit Überessen reagieren, denn dieser Botenstoff reguliert die Nahrungsaufnahme über das Belohnungssystem im Gehirn.

Professorin Lang und ihre Kollegen sehen in einer gezielten Rückkehr zum echten Essen mit hirnstärkenden Mikronährstoffen eine Chance, die Therapie von Depressionen wesentlich zu unterstützen. Eine Ernährungsweise aus normalen, nicht industriell verarbeiten Lebensmitteln mit viel Fisch, Gemüse, Obst, Nüssen, Hülsenfrüchten aber auch Fleisch und Milchprodukten könne die gute Laune signifikant unterstützen. Wer solchermaßen gesund esse, reduziere das Auftreten von Depressionsepisoden um bis zu 50 Prozent.

Dass die Industrienahrung sogar das Hirn schrumpfen lässt, fand diesen Sommer eine australische Forschergruppe heraus. Die Wissenschaftler der Universität von Geelong, 75 Kilometer südwestlich von Melbourne, um die Epidemiologin und Psychiatrieforscherin Felice Jacka wertete mit ihrem Team die Daten von 255 Teilnehmer aus einer großen australischen prospektiven Kohortenstudie aus. Ergebnis: Die Freunde des Junk Food hatten ein kleineres Gehirn, und zwar um genau 52.6 Kubikmillimeter im Vergleich zu den Gesundessern, die sich mit deutlich mehr frischem Gemüse, Früchten, Salat und gegrilltem Fisch versorgten.

Gemessen wurde hierbei der linke Teil des Hippocampus. Dieser wegen seiner Form mit dem griechischen Wort für Seepferdchen betitelte Teil des Gehirns ist beim Menschen vor allem für die Erinnerung sowie die Orientierung im Raum zuständig und ist auch in der Alzheimerkrankheit von Bedeutung.

Die Autoren verweisen auf vorherige Tierversuche, in denen viel Fett und der berüchtigte Glukose-Fruktosesirup als industrieller Zucker die Plastizität der Neuronen veränderte sowie Lernen und Verhalten negativ beeinflusste. Die kognitive Leistung war besonders dann gestört, wenn es um hippocampustypische Aufgaben, wie Erinnerung und räumliches Denken ging.

Dass Industrienahrung nicht nur die Stimmung trüben kann, sondern auch die Sicht, befürchten zahlreiche Wissenschaftler - weil in der modernen Nahrung aus Cafeteria, Supermarkt, Tankstelle wesentliche Inhaltsstoffe fehlen, die die Sehkraft stärken. Wichtig seien insbesondere bestimmte Vitamine, aber auch die Omega-3-Fette, meinen etwa Experten der renommierten Harvard-Universität in Boston im US-Staat Massachusetts.

Schon frühere Untersuchungen hatten ergeben, dass bestimmte Inhaltsstoffe der Industrienahrung die Denkleistung verringern - vor allem im Zusammenwirken mit Zusatzstoffen: Wenn etwa sogenannte Transfettsäuren noch mit dem Geschmacksverstärker Glutamat (E621) und dem Süßstoff Aspartam (E951) angereichert werden, verstärken sich die negativen Auswirkungen aufs Erinnerungsvermögen von Mäusen noch, so eine Untersuchung aus Saudi Arabien im Jahr 2010.

Dass die Inhaltsstoffe von industriellem Junk Food nicht nur unglücklich, sondern auch alt machen, ergab eine US-Studie im Jahr 2009.

Mehr zu Risiken und Nebenwirkungen von Junk Food

Hans-Ulrich Grimm:
Junk Food – Krank Food.
100 Gute Gründe, ein echter Besseresser zu werden
ISBN: 9783833839849
Gräfe und Unzer Verlag 19,99 €

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