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16.04.2020

DR. WATSON Kommentar

Cola und Corona

Was das globale Ernährungssystem mit dem Virus zu tun hat

Auch wenn es derzeit die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt, Depressionen heraufbeschwört, wirtschaftlich und psychisch: in seinem Kerngeschäft scheint es so mächtig nicht, das Virus SARS-CoV-2. Da braucht es Unterstützung, günstige Umstände. Und die gibt es bei uns. Über die Frage, was das globale Ernährungssystem mit Corona zu tun hat.

Über den Zusammenhang zwischen dem globalen Ernährungssystem und Gesundheit: Food War. Das neue Buch von Hans-Ulrich Grimm.

Mächtig, fast übermächtig ist das Ebolavirus: Bis zu 90 Prozent der Infizierten sterben daran. Oder die sogenannte Spanische Grippe, die in Wahrheit aus den USA kam, vor 100 Jahren, und 27 bis 50 Millionen Menschen getötet hat, vor allem die jungen, gesunden Menschen traf, die zwischen 20 und 40 Jahren.

Ganz anders bei Covid-19: Es stimmt schon, es kann auch Jugendliche treffen, sogar Kinder. Doch die Altersgruppe mit den meisten Infizierten ist die der 50- bis 60jährigen, die Todesopfer sind zumeist über 80.

Und auch wenn es manchmal junge, gesunde Menschen trifft: In der Regel sind es diejenigen mit den berühmten Vorerkrankungen.

Das Erschreckende ist: Dass es davon so viele gibt. 50 Millionen Deutsche insgesamt sollen es angeblich sein, fast zwei Drittel der Bevölkerung.

Das Virus, selbst eigentlich gar nicht so mächtig, trifft auf eine kranke Gesellschaft. Geschwächt von Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Atemwegserkrankungen, Krebs, und vor allem Diabetes, der Zuckerkrankheit. Krankheiten, die das Gesundheitssystem schon in seuchenfreien Zeiten bis zum Anschlag belasten.

Viele davon gelten als „ernährungsbedingt“. Insgesamt sollen weltweit elf Millionen Menschen im Jahr an solchen „ernährungsbedingten“ Krankheiten sterben.

Politik und Medien schieben den Betroffenen in der Regel selbst die Schuld zu: Falsche Ernährung gilt als individuelles Fehlverhalten.

Doch mittlerweile sehen auch die Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die politischen Hintergründe. Nicht das Verhalten ist falsch, sondern die Verhältnisse: Ein falsches Ernährungssystem, das dafür sorgt, dass ungesunde Nahrung mittlerweile die Versorgungskette dominiert.

Das schwächt natürlich die Abwehr, auch bei (noch) Gesunden. Zu viel Salz, zu viel Zucker: das greift das Immunsystem an. Das meiste davon steckt in industrieller Nahrung. Wissenschaftler haben detailliert nachgewiesen, wie Fast Food die Immuntruppen schädigt.

Und dabei geht es nicht nur um Hamburger, Cola, Pommes: Es geht generell um sogenannte „ultraverarbeitete“ Nahrung, dazu gehört auch die Tiefkühlpizza, die Tütensuppe, die Packung mit den Frühstückscerealien, der Fruchtjoghurt aus dem Supermarkt, schon der Babybrei aus dem Gläschen.

In der Corona-Krise positioniert sich die Politik mit Nachdruck auf Seiten der Gesundheit. Beim Ernährungssystem ist das leider nicht so. Denn das verdankt seinen globalen Erfolg ebenso entschiedener politischer Unterstützung: Die Politik machte den Weg frei für das dominierende industrielle System.

Besonders perfide ist dabei, dass dieses industrielle System ausgerechnet ungesunde Produkte künstlich verbilligt und so vor allem die Armen dazu zwingt, sich damit zu ernähren – und sich so selbst zu gefährden.

Kein Wunder, dass etwa in den Vereinigten Staaten von Amerika vor allem die Schwarzen von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Die Medien hierzulande, morallastig und mitleidsstark, äußern sich schwer betroffen. Und vergessen dabei, auf die Hintergründe hinzuweisen.

Denn natürlich hat es nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit dem Ernährungssystem, das vor allem die ärmeren Bevölkerungsgruppen mit ungesunder Nahrung versorgt, und die Verbreitung der „Vorerkrankungen“ ebenso begünstig wie die Schwächung der Abwehr.

Und wenn die Medien jetzt, mitleidsstark und morallastig, sorgenvoll auf die Entwicklung in Afrika blicken, weil ja die „Schwarzen“ besonders betroffen sind, dann wären sie gut beraten, da nicht auf die Hautfarbe der Menschen zu starren, sondern auf die Expansionserfolge der globalen Nahrungskonzerne, die für die Ausbreitung von „Vorerkrankungen“, die Schwächung der Abwehr sorgen und damit das Virus begünstigen, das ohne solche starke Helfer gar nicht so mächtig wäre.


Mehr über den Zusammenhang zwischen dem globalen Ernährungssystem und unserer Gesundheit:


Hans-Ulrich Grimm:
Food War
Wie Nahrungsmittelkonzerne und Pharmariesen unsere Gesundheit für ihre Profite aufs Spiel setzen


Droemer Verlag 2020, 256 Seiten
ISBN: 978-3-426-27800-0
19,99 Euro
E-Book
ISBN: 978-3-426-45656-9
14,99 Euro