Staatsgefährdendes Rezept (Mitte): Aya Velázquez (links) beim Interview mit Hardy Groeneveld.
Ein Rezept, ein Kochbuch, ein Restaurantbesuch, und falsche Gesinnung: Wie unsere Regierung unbescholtenen Bürgern hinterherspioniert.
Auf den ersten Blick geht es um eher Harmloses. Basmati-Reis, Kokosraspel, Vanille-Extrakt, Zucker, Zimt. Dazu noch pflanzliche „Milch“ aus Hafer, Mandeln oder Soja. Schließlich ist es ein Rezept: „Veganer Milchreis mit Kokosraspeln“.
Nicht gerade der Stoff, aus dem ein Umsturz gemacht wird.
Und doch scheint er dem deutschen Inlandsgeheimdienst übel aufgestoßen zu sein.
Der Milchreis wird jedenfalls in einem offiziellen Schriftsatz ausdrücklich hervorgehoben, in dem das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) begründet, warum der Rezeptautor unter Beobachtung steht.
Hardy Groeneveld heißt der Mann. Auch er sieht nicht direkt wie ein Umstürzler aus: graues Haar, weißes Hemd, eine seriöse Erscheinung, ausgebildeter Diplom-Kaufmann.
Früher war er nach eigenen Angaben im Controlling tätig, in Produktmanagement, Einkauf, Vertrieb, Business Development und Marketing. Dann suchte er nach einer „sinnstiftenden Aufgabe“, und fand sie schließlich in einem Verein, der „Wahrheit und Wahrhaftigkeit“ fördern will. Also eigentlich auch nichts Schlimmes.
Doch zu seiner großen Überraschung wurde er vom Verfassungsschutz unter Beobachtung gestellt, unter dem Label „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“. Das wurde erst vor einigen Jahren neu eingeführt, inzwischen aber schon 1600 Menschen angeheftet.
Allesamt üble Staatsfeinde, wie der bundesdeutsche Inlands-Geheimdienst findet: „Die diesem Phänomenbereich zugeordneten Akteure zielen darauf ab, das Vertrauen in das staatliche System zu erschüttern und dessen Funktionsfähigkeit zu beeinträchtigen.“
Sie eint, so die Einschätzung der Schlapphüte, „die kategorische Ablehnung der bestehenden staatlichen Ordnung, die als untauglich und undemokratisch angesehen wird.“
Dazu können überraschenderweise auch Rezepte gehören, sogar ein Restaurantbesuch.
Kein Witz. Klingt absurd, ist aber so.
„Ich war wirklich total geschockt“, gestand Beobachtungsobjekt Groeneveld in einem ausführlichen Interview mit der Journalistin Aya Velázquez (Screenshot), die mit ihm das Schicksal teilt, ins Visier des deutschen Inlandsgeheimdienstes geraten zu sein.
Groeneveld fühlte sich bislang eigentlich als unbescholtener Bürger, ja als „Fan der Verfassung“, der sich „nie etwas zuschulden kommen“ ließ, sich „immer für Demokratie und für Rechtsstaatlichkeit und für eine friedliche, gerechte Gesellschaft eingesetzt“ hat.
Völlig perplex war er deshalb, als der Geheimdienst ihm auf Anfrage mitteilte, was ihm vorgeworfen wird.
Jener Gaststättenbesuch zum Beispiel, den offenbar ein Spitzel beobachtet hatte:
„Im Jahr 2022 konnten Sie als Gast im Restaurant ‚S'Reiwerle‘ in Annweiler am Trifels festgestellt werden.“
Klingt so abwegig und unglaublich, dass er den Satz „immer drei, viermal lesen“ muss, sagt der Mann, der zur falschen Zeit in der falschen Kneipe war.
Aber es geht noch weiter:
„Auch beteiligten Sie sich mit einem Beitrag im Kochbuch ‚Schwurbler am Herd - Der Widerstand kocht‘, welches vom Inhaber des Restaurants herausgegeben wurde.“
Der staatsgefährdende Milchreis.
Rezepte für einen Umsturz sind in dem Buch natürlich nicht enthalten. Nicht einmal eins für eine Eisbombe. Weder wurde die Errichtung eines Kalifats gefordert noch eines Königreiches.
Das Buch ist solide gemacht, stabiler Umschlag, wertiges Papier. Es soll „ein kleines Stück hohe Kochkunst“ ins eigene Heim bringen, die Leute unabhängiger machen, ihnen ermöglichen, Einschränkungen wie in der Coronazeit unbeschadet zu überstehen, füreinander zu kochen, miteinander zu essen: „Warum sollten wir nicht gemeinsames Kochen und Essen zur Regel machen?“
Das Buch enthält die Rezepte dafür: Rheinischer Sauerbraten etwa, Kartoffelknödel, Kürbis-Hackfleisch-Lasagne, Rumpsteak, Sauce hollandaise, Mousse au chocolat. Basics der klassischen Küche („Wie bereitet man einen Fond aus Knochen zu?“). Und auch Reflexionen über die Coronazeit („Kennen Sie das, wenn Sie das Gefühl haben, nach Strich und Faden veräppelt zu werden?“).
Es manifestiert sich bürgerlicher Eigensinn, bis hin zu obrigkeitskritischer Haltung. Sogar der gefürchtete Ober-Querdenker Michael Ballweg war mit einem Rezept vertreten! Ui!
Grund genug, das Treiben dort vom Geheimdienst der Berliner Regierung überwachen zu lassen. Die Gesetze waren ja eigens verschärft worden, neue Tatbestände eingeführt, um Abweichler zu sanktionieren.
Und die Schlapphüte förderten noch mehr Material bei Rezeptautor Groeneveld zutage: „Die aufgrund Ihres Auskunftsantrags vorgenommen Suche im elektronischen Aktensystem ergab 628 Dokumente.“
628 Dokumente zu subversiven Aktivitäten! Die Spione haben offenbar so einiges angesammelt an Erkenntnissen. Zum Beispiel:
„Hier ist bekannt, dass Sie mit Stand Mai 2023 einer von zwei vertretungsberechtigten Vorständen des Vereins und der damit verbundenen Plattform ‚Mutigmacher e.V.‘ sind.“
Mutigmacher: Das ist der Verein, der sich für „Wahrheit und Wahrhaftigkeit“ einsetzt. Schlimm, schlimm, findet der Geheimdienst unserer Regierung.
„Darüber hinaus ist bekannt, dass Sie im Impressum des Ticketshops ‚krasser.guru‘ genannt werden.“
„Krasser Guru“: Das ist ein „Bildungswerk“, das Vorträge anbietet. Von Menschen mit eigenen Ansichten. Äußerst übel, finden die Spione.
Zumal die Gedanken auch Konsequenzen haben können!
„Zudem ist bekannt, dass Sie zumindest in der Vergangenheit eine Zeitlang aktives Mitglied in der Karlsruher ‚Querdenken-721‘-Initiative gewesen sind. Als solches sind Sie im Zeitraum von Januar bis Ende April 2022 verschiedentlich als Veranstaltungsleiter, Redner oder bloßer Teilnehmer auf mehreren ‚Querdenken‘- bzw. ‚Anti-Corona‘-Demonstrationen in Karlsruhe und dem weiteren Einzugsgebiet von Karlsruhe in Erscheinung getreten, beispielsweise am 23. April 2022 an einer Corona-Demonstration in Landau.“
Querdenken: Das ist natürlich der Gipfel. Und auch noch Demonstrationen, gegen die Regierung!
Eigentlich nichts Verbotenes, in einem Rechtsstaat. Gewalttätiges oder Staatsgefährdendes hat er auch gar nicht im Sinn, sagt Rezeptautor Groeneveld. Ganz im Gegenteil: Er versteht sich als Kämpfer für die verfassungsmäßigen Werte.
Er hätte sich nicht gewundert, wenn ihn der Verfassungsschutz hätte anwerben wollen, schließlich habe er sich immer für Demokratie und für Rechtsstaatlichkeit eingesetzt.
Aber dass sie ihn beobachten, „als möglichen Verfassungsfeind“, das hat ihn doch schwer getroffen, „weil das einfach so an der Realität vorbeigeht, die Dinge auf den Kopf stellt“.
Und die Verfolger bleiben ihm auch hartnäckig auf den Fersen. Sie lassen nicht ab von ihm. Querdenkerei, das war damals ja wirklich die maximale Abweichung vom erlaubten Gedankengut. Deshalb geriet Groeneveld ins Visier der Spione unserer Regierung. Auch wenn Corona vorbei ist: der staatliche Kampf gegen die Kritiker geht weiter.
Dabei wird immer klarer: So ganz daneben lagen sie in Wahrheit nicht. Immer mehr Fakten kommen ans Licht, durch die sich die „Schwurbler“ von damals bestätigt fühlen können.
So hat sich die Regierung in Deutschland mit ihrer Coronapolitik damals keineswegs strikt an den wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert, sondern sich im Gegenteil auch darüber hinweggesetzt. Das hatten die internen Protokolle des Robert Koch-Instituts (RKI) gezeigt, die Journalistin Velázquez dank eines Whistleblowers publik gemacht hatte, die sogenannten RKI-Files.
Mittlerweile haben sogar wichtige Protagonisten aus der Politik eingeräumt, Panik geschürt und die Bedrohung maßlos übertrieben zu haben.
Auch die Rolle von Bill Gates kann als geklärt gelten, seit der Weltwohltäter die EU-Anführerin Ursula von der Leyen mit einem Preis geehrt hatte, für besonders folgsames Verhalten (siehe hier).
Hinterfragt wird inzwischen auch, was wirklich hinter den Bildern aus Bergamo mit dem nächtlichen Konvoi aus Militärlastern steckte, die den Beginn der Kampagne markierten und als Booster für Ängste und Befürchtungen wirkten.
Und schließlich kam jüngst heraus, dass sogar in der deutschen Leitzentrale der Kampagne, dem Berliner Bundeskanzler*innen-Amt, Informationen über den Ursprung des Erregers vorgetragen - und der Öffentlichkeit vorenthalten wurden. Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) hatte über Erkenntnisse berichtet, dass die ansteckenden Keime aus einem Labor stammten und dort gezielt gezüchtet worden waren.
„Wir wurden über das Ereignis, das unser Leben veränderte, schwer in die Irre geführt“, schrieb die New York Times diese Woche.
“Nach Strich und Faden veräppelt” also, wie die „Schwurbler“ in ihrem Kochbuch diagnostiziert hatten.
Eigentlich wäre es überfällig, sie zu rehabilitieren, statt sie weiter unter Verfolgung zu stellen.
Vielleicht können sich die Spione aus der Auslands-Abteilung mal mit ihren Kollegen von der Inlands-Bürgerbeobachtung darüber austauschen.
Womöglich werden sie dann auch darauf kommen, dass Bürger niemals ihren Staat delegitimieren können. Das kann nur der Staat selber.
Zum Beispiel durch solche absurden Aktionen gegen Leute mit eigener Meinung und souveräner Haltung. Nicht nur am Herd.