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Oxytoxin

Oxytocin gilt als das “Kuschelhormon“. Es entsteht unter anderem beim Streicheln, wird aber auch bei der Geburt und beim Orgasmus freigesetzt. Es gibt dafür mehrere Produktionsstätten: im Gehirn, in den Eierstöcken und den Hoden. Der Stoff fördert offenbar die Moral, zumindest aber die Treue und die langfristige Bindung zwischen Liebespartnern. Es soll auch das Vertrauen fördern, und bei Börsengeschäften die Risikobereitschaft erhöhen. Und es stärkt auch das Immunsystem. Überraschenderweise haben die Veränderungen im Nahrungsangebot Auswirkungen auf die Oxytocinversorgung – und damit auch aufs Verhalten und wommöglich sogar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

 Oxytocin kann dann auch ein Gefühl von Ruhe, Zuneigung und Zufriedenheit vermitteln. Es spielt auch bei der Einleitung einer Geburt eine Rolle. Das Kuschelhormon treibt dabei ganz praktisch die zuständigen Muskeln an. Und: Oxytocin wird auch beim Orgasmus aktiv. Unmittelbar nach dem Höhepunkt sinkt der Spiegel ab.

 

Vom „Kuschelhormon“ Oxytocin und seinen Wirkungen aufs menschliche Wesen weiß  die Welt  dank der Wüstenspringmaus, die von der Wissenschaft intensiv beforscht worden ist. Die Männchen und Weibchen dieser Gattung sind sich innig verbunden, von der Paarung bis zum Tode.

 

Wenn aber das Oxytocin blockiert wird, ist es aus mit der Treue: sie paarten sich wahllos mit wildfremden Mäusepartnern.

 

Die australische Bergwühlmaus hingegen pflegt von Natur aus unmoralischen Umgang, kennt keine Monogamie wie ihre Vettern aus der Wüste. Sie kann nichts dafür: Sie hat einfach weniger Oxytocin im Blut.

 

Der Stoff ist auch eine Art Sensor bei der Partnerwahl. Er ermöglicht Weibchen, jene Männchen zu erkennen, die an einer Paarung besonders interessiert sind.

 

Im Wirtschaftsleben ist das Mittel besonders verführerisch: Die Schweizer Ökonomen Ernst Fehr und Michael Kosfeld vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung in Zürich hatten zusammen mit dem Oxytocin-Experten Markus Heinrichs ein Experiment an der Universität Zürich organisiert.

 

194 Versuchspersonen sollten entscheiden, wieviel Geld sie einem Treuhänder überließen, der es dann verdreifachen würde. So viel war sicher. Nicht sicher war, ob der Mann ihnen auch das Geld geben würde. Wenn sie es aber behielten, würde es sich sicher nicht vermehren. Das Ergebnis: Mit Kuschelhormon im Kopf gab die Hälfte der Leute das Geld weg, ohne nur jeder Fünfte.

 

Nun aber scheint die Produktion des vertrauenbildenden Kuschelhormons gefährdet. Verantwortlich sind Forschungen zufolge die veränderten Verhältnisse beim Nahrungsangebot. Denn sie verändern die Verdrahtungen im Gehirn und regeln die Oxytozin-Erzeugung herunter.

 

Eine zentrale Rolle spielt dabei offenbar das Öl, das zum Beispiel McDonald’s für seine Pommes Frites nimmt: In den USA ist das Sojaöl, in Deutschland vor allem Sonnenblumenöl.

 

Dieses Öl gibt es nicht nur bei McDonald’s, sondern weltweit, und zwar in Massen, bei Sojaöl sind es 56 Millionen Tonnen, bei Sonnenblumenöl 17 Millionen Tonnen. Die Verschiebung der Verhältnisse zwischen den einzelnen Nährstoffen durch die neue Nahrungskette wird kaum irgendwo so deutlich wie hier: So machte das Sojaöl in den USA im Jahre 1909 nur 0,02 Prozent aller verfügbaren Kalorien aus, im Jahr 2000 jedoch 20 Prozent. Eine Vertausendfachung.

 

Und das hat Konsequenzen – fürs Kuschelhormon, und damit für den Charakter. Denn dadurch ändert sich die Aktivität bestimmter Gene im Gehirn, genauer: im Hypothalamus. Insgesamt gebe es, wie Forscher, 2020 in der Zeitschrift Endocrinology berichteten, Veränderungen bei rund 100 Genen  – auch solchen, die für die Produktion von Oxytocin zuständig sind. Und prompt ging die Konzentration dieses Botenstoffs bei den betroffenen Versuchstieren zurück.

 

Diese Erkenntnis könnte, meinen die Forscher, „wichtige Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben.“ Denn es kann nicht nur das Vertrauen in andere Menschen stärken,  die Empathie erhöhen, es kann auch Angst und Stress reduzieren sowie Aggressionen dämpfen. Und wenn beim Kuschelhormon der Level sinkt, steigt er bei der Aggressivität.

 

Mittlerweile gibt es auch Mittel, um den Kuschelhormonspiegel direkt und aktiv zu beeinflussen. Im Internet werden Nasensprays angeboten,

 

Eine Firma namens Vero Labs in Boca Raton Florida verkauft schon »Liquid Trust« (Flüssiges Vertrauen) für 49,49 Dollar, mit Geld-Zurück-Garantie, speziell für Verkäufer, Singles und Manager. »Sie könnten mehr verkaufen, mehr lieben und mehr erreichen, wenn die Leute Ihnen mehr trauen würden«, wirbt die Firma.

 

Experten raten allerdings davon ab, mit solchen chemischen Mitteln die eigene Persönlichkeit zu modulieren – mit ungewissem Ausgang.

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