Der Tsunami rollt. Von der Angst getrieben. Doch immer öfter rebelliert der Körper. Wann wird es zu viel? Wo liegt mein Limit? Wahn und Wirklichkeit – und wie wir da rauskommen.
Sie ist im Himmel, schön wie ein Engel. Sie lächelt selig, wohl auf Wolke sieben, und schiebt sich was Weißes in den Mund, die Tüte noch in der Hand: Protein-Popcorn.
Von ihrer Eigenmarke, die sie gerade auf den Markt gebracht hatte: Khloé Kardashian, US-amerikanischer TV-Star und Unternehmerin.
„Protein ist heutzutage überall drin. Sogar in Popcorn“, seufzte die New York Times.
Auch in Bonbons, Gummibärchen, Chips. In Riegeln und in Shakes. Es gibt Protein Macha und, völlig irre, Rewe Proteinwasser (Screenshot: Khloud / Montage DR. WATSON).
In Wahrheit ist es eher die Hölle. Blähungen. Magengrimmen. Der Körper rebelliert gegen die teuflischen Zumutungen, seit sich ein Nahrungsbestandteil völlig losgelöst hat von seiner angestammten Umgebung - Steak, Quark, Soja & Co. - und durch die Welt irrlichtert. Ohne Sinn und Zweck. Allein getrieben von Profitsucht – und der Angst, zu kurz zu kommen.
Aber: Immer öfter ist der Körper überfordert. Durch den menschengemachten Protein-Tsunami.
Er hat nicht einmal einen Speicher eingerichtet für Notfälle. Er scheint keinen Mangel zu befürchten: Protein ist sowieso fast überall drin.
Er hat auch keinen Emergency-Schalter für die Überdosis.
Er wandelt die unnützen Proteine um, in Zucker, in Fett. Und er produziert verhängnisvolle Signale.
Seine Notfallreaktion für den Overkill – mit gefährlichen Folgen.
In den USA soll fast jeder zweite Teenager Protein-Supplemente zu sich nehmen. Bei uns auch schon jeder dritte.
Und das kommt ja noch obendrauf. Zum Protein aus den normalen Lebensmitteln. Und dem Pulver und Pillen aus dem Drogeriemarkt. Den ganzen Protein-Produkten aus dem Lidl, Aldi & Co.
Die HIGH PROTEIN Quark Creme. Die HIGH PROTEIN Mousse. HIGH PROTEIN Coffee Drink von Dr. Oetker. PROTEIN Kichererbsen Curry von der Firma Körperkraft. Müllermilch HIGH PROTEIN Schoko Geschmack.
Dazu die vielen Shakes, die Sportler-Produkte im Drogeriemarkt, die ganzen Kunstnahrungs-Innovationen.
Medien schüren die Furcht. Die fast ausgestorbenen Magazine springen auf. Die Vogue für die weiblich lesenden Menschen wirbt für Pulver („So viel Protein brauchen Sie wirklich“).
Und das Muckiblatt Men’s Health propagiert MPF: More Protein Fasten. Von einer trendigen Firma namens More. Der Clou dabei: Statt gar nichts gibt’s beim Fasten More-Produkte. Ein More Clear Protein Shake, ein More Protein Iced Coffee.
Alles natürlich streng wissenschaftlich fundiert. Sagen sie. Was sie nicht sagen: Die „Wissenschaftler“ sind eng verbandelt mit der Branche, mit einzelnen Firmen, dem Lobbyverein International Protein Board (iPB).
Das Protein-Business. Es läuft wie geschmiert. Mit Milliardenumsätzen weltweit. Und stolzen Wachstumsraten.
Und es wird immer noch irrer. Immer neue Rohstoffe, immer noch billiger, sollen den Boom befeuern. Das Zauberwort heißt: Proteintransformation. Ein neues Zeitalter, eine neue Eiweiß-Epoche. Fernab von der Natur.
„Was wir heute erleben, ist erst der Anfang der Proteintransformation“, schreibt die US-Beratungsfirma Boston Consulting Group.
Das Davoser Weltwirtschaftsforum (WEF) ist begeistert: „Alternative Proteine werden die Ernährung verändern, den Klimawandel eindämmen und Gewinne steigern.“
Auch die Europäische Union sieht darin eine große Zukunft. Allein in Deutschland locken 65 Milliarden Euro durch „Proteindiversifizierung“.
Die einflussreiche Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), also die Vereinigung der Ernährungsberatenden, schwärmt schon in den höchsten Tönen („Alternative Proteinquellen: Lösungen für eine nachhaltigere Ernährung“).
Und die Medien applaudieren begeistert.
Es geht aber noch weiter.
Innovative Proteinquellen: Dazu gehört zum Beispiel Essbares, entwickelt aus dem Waldboden, dem Pilzgeflecht, das den Forst unterirdisch durchzieht (mehr hier).
Oder jenes Protein namens „Solein“, das aus Luft und Liebe, pardon, aus CO₂, Wasserstoff, Nährmedien und erneuerbarer Energie gewonnen wird, mit Hilfe eines Bakteriums namens Xanthobacter sp. SoF1. Das gehört zu den sogenannten Knallgasbakterien und kommt natürlich in Boden und Gewässern vor.
Damit kann man sogar „das Essen im All selber produzieren“, schwärmt SRF, das Schweizer Radio und Fernsehen.
Hurra! Astronautennahrung, hergestellt mit Knallgasbakterien!
Es geht aber noch verrückter.
Die globale Forschergemeinde ist schon dran. „Müll zu Nahrung“ heißt die Parole.
Nicht nur aus Lebensmittelresten, dem Inhalt der Biotonne, dem Übriggebliebenen aus Fabriken. Auch aus Schlachthöfen. Auch aus Abwasser. Und: aus Klärschlamm. Ja, Klärschlamm.
Er ist wieder da. Vor Jahren noch wurde er als „Hoax“ entlarvt, als geschickte Fälschung, in einem Video, das weltweite Empörung auslöste: Der „Kackburger“. Auch Kloburger genannt. Oder Shitburger.
Das Proteinerzeugnis aus Klärschlamm. Bald schon in unseren Mägen.
Phantastische Ideen. Eine Wissenschaftlergruppe der britischen Royal Society of Chemistry kam richtig ins Schwärmen, Anfang des Jahres, von der „Proteinproduktion aus Abfallströmen“. Etwa aus landwirtschaftlichen Abfällen („Schweinegülle“) oder der städtischen Kläranlage („kommunalem Abwasser“).
Mit Hilfe von Bakterien, Pilzen oder auch Algen – also jenen Methoden, an denen auch Forscher der deutschen Bundesregierung dran sind.
Es gibt übrigens sogar schon eine Pilotanlage, im niederländischen Enschede direkt an der deutschen Grenze, wo auch der US-amerikanische Fake-Fleisch-Pionier Beyond Meat eine Produktionsstätte eröffnet hat.
Gut fürs Klima soll das sein, und auch für den Menschen, sozusagen ein „grüner Ansatz“ gegen den Hunger, jauchzen Forscher.
Nur der Körper scheint sich dagegen zu sträuben. Magengrimmen, Blähungen, Darmwinde. Die „Protein-Fürze“ haben es sogar schon in die medizinische Fachliteratur geschafft.
Tatsächlich kann der Protein-Overkill zu Veränderungen im Darm-Mikrobiom führen, bis hin zum „Leaky-Gut-Syndrom“, dem durchlöcherten Darm, sagt Professor Andreas Michalsen, Naturheilkundler von der Berliner Charité.
Hohe Proteinmengen können auch die Nieren überlasten, die Kläranlage des Körpers. Und Pickel sprießen lassen. Ausgerechnet die beliebten Molkeprotein-Produkte („Whey“) erhöhen die Talgproduktion und füttern so die Acne vulgaris.
Vor allem bei Jugendlichen droht sogar Mangelernährung: Wenn Shakes & Co. echtes Essen verdrängen, fehlen Ballaststoffe, Mikronährstoffe und gesunde Fette.
Schlimmer noch: ein erhöhtes Risiko für Krebs, Herzerkrankungen, Diabetes, warnte die New York Times schon vor zehn Jahren („Können Sie zu viel Protein kriegen?“).
Professor Valter Longo, ein berühmter italienisch-amerikanischer Alterungsforscher, hatte festgestellt, dass Leute, die sich im Alter zwischen 50 und 65 Jahren proteinreich ernährten, ein viermal höheres Risiko hatten, an Krebs zu sterben, als Menschen mit einer geringeren Proteinzufuhr.
»Der Proteintrend wird große gesundheitliche Probleme verursachen«, prophezeite der Professor jetzt in der Zeit.
Prompt kam Widerspruch, aus dem Spiegel. Vom dortigen Hausexperten, dem Lübecker Professor Martin Smollich: Die Sache mit dem Krebs durch zu viel Proteine sei „nach aktuellem Wissensstand nicht haltbar.“ Außerdem sei der berühmte Kollege aus Amerika befangen, denn er betreibe eine Firma für proteinarme Fastenkonzepte.
Mit solchen Interessenkonflikten kennt Smollich sich aus (mehr dazu hier). Er betreibt selbst eine eigene Firma, wirbt um Kunden aus der Food-Branche mit seinen vielseitigen Kontakten bis in höchste Regierungskreise. Und er forscht mit freundlicher Unterstützung von finanzkräftigen Sponsoren. Etwa dem französischen Food-Riesen Danone, einem mächtigen Proteinlieferanten (Fruchtzwerge, Activia), der kürzlich für eine Milliarde Euro ein proteinreiches Kunstnahrungs-Unternehmen namens Huel übernommen hat.
Aber selbst Industriefreund Smollich räumt ein, dass irgendwann eine Grenze erreicht ist. Wie überall in der Ernährung: »Ne quid nimis« – nichts im Übermaß.
Fragt sich nur: Wo liegt das Limit? Ab wann wird es gefährlich?
Antwort: Das weiß kein Mensch.
Bisher empfahlen Experten 0,8 Gramm pro Kilo Körpergewicht am Tag. 0,90 Gramm für Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren. Ab 65 dürfen es sogar 1,0 bis 1,2 Gramm sein. Bei Sporttreibenden gern auch 1,2 bis 2 Gramm.
Das gilt aber nur im Einflussbereich der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Bei Amerikanern sollten es täglich 1,2 bis 1,6 Gramm sein.
Die New York Times hat sogar ein Tool entwickelt für die Proteinbilanz. Erste Erkenntnis: Um Protein kommt man gar nicht herum. In einem Stück Käsepizza stecken 14 Gramm. Sieben Sushi mit Lachs und Avocado: 15 Gramm. Zwei Rühreier: 13. Zwei Scheiben Speck: 5,5. Ein Vollkorntoast mit Butter: 4,5. Sogar in einer Banane steckt ein Gramm Protein, ebenso in einer Clementine, in einer Handvoll Himbeeren. Selbst die Halbe Bier liefert noch 2,8 Gramm. Na dann Prost.
Der Haken: Leider ist nicht ganz klar, ob mehr Proteine besser sind für ein langes Leben – oder eher weniger. Vielleicht auch für die einen mehr – und die anderen weniger.
Mäusemännchen zum Beispiel können mit eiweißarmer Kost knapp 35 Prozent länger leben. Ihre Weibchen aber, falls man das heute noch so sagen darf, sterben damit früher, verkürzen ihr Leben um 22 Prozent. Das steht in einer weltweit beachteten Übersichtsstudie, für die 350 Untersuchungen ausgewertet wurden (Tabelle 1).
Noch ein Haken: Es kommt gar nicht unbedingt auf die Proteine an. Sondern auf die Aminosäuren, aus denen sie bestehen.
Wer also seine Muskeln stärken will, sollte sich um ein Protein namens Titinkümmern. Das größte, das wir im Körper haben. Es besteht aus über 30.000 Aminosäuren.
Eines davon ist das sogenannte Methionin.
Und jetzt aufgepasst: In Hühner-Protein steckt davon dreimal so viel wie in Bohnen-Protein. Aber viel davon hilft nicht unbedingt viel: So sollen Mäuse, die wenig Methionin essen, deutlich länger leben als Methionin-Vielfraße.
Ähnliches gelte auch für sogenannte „verzweigtkettige Aminosäuren“ wie Leucin, Isoleucin und Valin“, sagt der berühmte Valter Longo in der Zeit.
Auch sie stecken im Muskel-Protein Titin.
Das kann natürlich kein Mensch im Blick haben, auch keine App.
Der Körper kann das.
Er steuert die Versorgung via Geschmack. Hat deshalb überall Rezeptoren und Sensoren postiert. Die reagieren auf solche Aminosäuren - die interessanterweise völlig unterschiedlich schmecken.
Da gibt es etwa den Rezeptor T1R1/T1R3. Er spricht auf Glutamat an. Und den Süßrezeptor T1R2/T1R3. Für die bitteren Typen TAS2R. Außerdem wirken mit die folgenden Sensoren: CaSR, GPRC6A, GPR142, GPR93, LPAR5, PepT1 (SLC15A1).
Sie sitzen überall im Körper: in Mund, Magen, Darm, Bauchspeicheldrüse, Nase und Bronchien, außerdem in Leber, Niere, Fettgewebe, Knochen, Herz, Blutgefäßen und Immunzellen. Sogar im Gehirn. Und in den Hoden.
Genial orchestriert also: die Organisation der Proteinversorgung. Bei evolutionär bewährter Nahrung.
Bei den trendigen Proteinprodukten wird die Signalübertragung allerdings massiv gestört.
Durch die Chemikalien, die drinstecken. Zusatzstoffe wie Carrageen (E407) oder Xanthan (E415). Der Designerstoff Carboxymethyl-Cellulose (E 466), die Phosphate, die berüchtigte „modifizierte Stärke“ aus den Laboren der Lebensmitteldesigner.
Und durch die ganzen Stoffe zur Geschmacksmanipulation, die das Elend „maskieren“ sollen. Aroma, Süßstoffe.
Die Forschung zu den Zusammenhängen steht erst am Anfang.
Unser Körper aber kennt sie seit Jahrtausenden. Man muss ihn nur lassen.
Dann klappt das schon.
Mehr über die nötigen Nährstoffe und wie ich sie finde:
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