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DR. WATSON

Wir leben in einer Zeit, da alle den Gürtel enger schnallen müssen. Alle? Nicht ganz.

 

Da ist zum Beispiel diese kleine Firma in Hamburg. Es gibt sie noch nicht lange. Und sie hat auch noch gar nichts produziert. Doch jetzt bekam sie 10 Millionen Euro.

 

Von wem? Von denen, die den Gürtel enger schnallen müssen: Den Steuerzahlenden in der Europäischen Union.

 

Mushlabs heißt die Firma. Sie hatte eine Idee. Sehr appetitlich ist sie nicht. Irgendwas mit Pilzen. Etwas völlig Neues. So neu, dass es noch nicht einmal einen Namen dafür gibt. Aber es hat Zukunft, könnte sogar ein Beitrag zur Rettung der Welt sein.

 

Deshalb gab es den Millionenregen aus Steuergeldern, mit freundlicher Unterstützung aus Ursula von der Leyens EU-Kommission. Innovationsförderung ist in Europa ganz oben angesiedelt. Auch, wenn es um die Ernährung geht, mit der „weltweit größten und dynamischsten Community für Lebensmittelinnovationen

 

Nicht nur das Millionen-Ding aus Hamburg wird durch ihre Innovationsagenten großzügig unterstützt: Stolze 1000 solcher Startups haben wir Steuerzahler gefördert, mit insgesamt 382 Millionen Euro.

 

Unbeirrt auf Industrie-Kurs

 

Dabei wächst in Wissenschaft und Medizin die Kritik an der fortschreitenden Industrialisierung des Ernährungssystems. Vor allem die „ultra-verarbeitete“ Nahrung ist unter Beschuss, Fastfood, Softdrinks, Fertignahrung, als ernsthafte Bedrohung der globalen Gesundheit, Auslöser zahlreicher Störungen bis hin zu den berühmten „Vorerkrankungen“, die als herausragende Förderer der COVID-Pandemie gelten.

 

Immer mehr Forscher in aller Welt fordern deshalb eine Wende hin zu mehr Natur, den evolutionär bewährten Lebensmitteln.

 

Doch die EU-Kommissionspräsidentin steuert unbeirrt auf Industrie-Kurs, treibt mit den Milliarden der Steuerzahler die Technisierung der Nahrung weiter voran, noch mehr Künstlichkeit, noch mehr bizarre Innovationen, Essen aus Abfall, Fleisch ohne Tier: Grusel-Cuisine á la Frankenstein, jetzt neu mit EU-Gütesiegel! Und sie lässt die Lebensmittelüberwachung anpassen, unter Beteiligung der Hersteller des Ungesunden. Ein schleichender Systemwechsel, mehr Einfluss für Konzerne, Entmachtung der staatlichen Behörden und demokratisch gewählten Institutionen.

 

Sie liegt damit im globalen Trend zum „Stakeholder-Kapitalismus“, sie bekommt viel Applaus, auch von finanzkräftigen Unterstützern. Eben hat sie in New York einen Preis erhalten, von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, für ihre Bemühungen um eine gerechtere und gesündere Welt.

Grusel-Food für eine gesündere Welt? Ursula von der Leyen mit Melinda (links) und Bill Gates (rechts). Foto: Bill & Melinda Gates Foundation

 

Fragt sich nur, ob noch mehr neues Grusel-Food dazu beiträgt. Wer weiß schon, wie der Körper reagieren wird. Zum Beispiel auf das Irgendwas-mit-Pilzen aus Hamburg.

 

Aufregende Entdeckung im Wald 

 

Am Anfang stand offenbar ein Waldspaziergang, bei dem sie aber nicht nach Steinpilzen suchten, sondern nach einer innovativen Lösung für die Welternährung. Und die vermuten sie im Waldboden: Dort bilden die Wurzeln der Pilze („Myzel“) sozusagen eine gigantische Recyclingmaschine, für abgestorbene Blätter, tote Tiere, kurz: für Abfall.

 

Müllverwertung: Für die Nahrungsindustrie eine besonders beliebte, da billige Methode der Rohstoffgewinnung.

 

Die Hamburger Staatsknete-Empfänger wollen natürlich nicht den Waldboden umgraben, sondern mit der Myzel-Methode ganz anderen Müll verwertbar machen, neben den in der Branche schon jetzt sehr beliebten Sägespänen  Überreste aus Zuckerrohrfabriken, Reismühlen, auch Kaffee- und Teemüll, selbst Baumwollabfälle.

 

Daraus wird dann ein völlig neuartiges, nun ja, ein, äähm, ein Dings... Also, einen Namen haben sie dafür noch nicht gefunden. Fleischersatz wollen sie es nicht nennen, es soll halt irgendwas aus „köstlicher und nahrhafter Biomasse“ werden, was ja schon mal sehr vielversprechend klingt.

 

Solche „zirkulären Lebensmittelsysteme“, wie die Abfallverwertung im EU-Neusprech heißt,  haben natürlich nichts mit der sehr sinnvollen Nutzung von Resten im Haushalt zu tun. Es geht, ganz im Gegenteil, um großindustrielle Prozesse, mit üppig Chemie, Hightech, absurden Rohstoffen, für die das Vanillearoma aus alten Plastikflaschen erst einen leisen Vorgeschmack bietet. Oder das Erdgasschnitzel, das in der EU früher verboten werden sollte, heute aber unter dem Ehrentitel „Protein-Diversifikation“ sogar förderungsfähig wäre.

 

Fake-Meeresfrüchte aus München

 

Die Natur hat ausgedient als Nahrungslieferant in Ursula von der Leyens futuristischem Food-Kosmos. Die ebenfalls mit EU-Knete geförderte Firma Happy Ocean Food GmbH etwa sitzt fernab des Meeres in München, stellt „Fisch und Meeresfrüchte auf pflanzlicher Basis“ her, wobei die Zutatenliste für ihre Kunst-Garnelen namens Happy Ocean Shrymps eher nach Labor klingt als nach Vegetabilien. 

 

Eine andere mit EU-Steuergeld gefütterte Firma produziert neuartigen Designersüßstoff, für den sie süße Proteine“ nimmt aus den "Tiefen des Dschungels“, die anschließend per Biotechnologie geschmacklich dem „Massenmarkt“ angeglichen werden.

 

Klingt aufregend und geheimnisvoll. Ebenso wie die „neuen Chemikalien“, die mit Hilfe von Enzymen produziert werden, gleichfalls von den europäischen Steuerzahlern finanziert, dank Ursula von der Leyens Hilfe, wie übrigens auch die Klassiker der Grusel-Cuisine, Spinnen, Käfer & Co., etwa die mit EU-Hilfe industriell optimierte Schwarze Soldatenfliege (Hermetia illucens), oder das neuartige „Insektenprotein“, die tollen Insekten-Snacks, Insekten-Proteinriegel sowie Insekten-Burger.

 

Ob das gesund ist? Weiß natürlich keiner.

 

Lebensmittelsicherheit: Mehr Rechte für die Industrie

 

Glücklicherweise beschäftigt sich die Europäische Union aber auch mit der Lebensmittelsicherheit.  Das Thema sei sogar „eine Hauptpriorität für die Europäische Kommission“.

 

Es wird höchste Zeit: Beim Thema Lebensmittelsicherheit hinkt die Europäische Union um Jahrhunderte hinterher, zielt immer noch auf klassische Bedrohungen wie Viren, Bakterien, Schadstoffe, ignoriert aber die modernen Gefahren durch chemische Zutaten, Zucker oder industrielle Produktionsprozesse.

 

Ach so, das interessiert Ursula von der Leyens innovative EU-Nahrungspolitik auch künftig nicht? Und das Ziel ist ein ganz anderes?

 

Tatsächlich soll auch hier ein Systemwechsel stattfinden. Ziel: Weniger Macht für die bisherigen staatlichen Kontrolleure, mehr für die Produzenten des Ungesunden.

 

Die Richtung weist ein Projekt mit dem coolen Namen FoodSafety4EU, eine „Gemeinschaftsaktion zur Unterstützung der Europäischen Kommission (EK) bei der Gestaltung des Lebensmittelsicherheitssystems der Zukunft.“

 

Wesentliches Element: Die scharfe Abgrenzung zwischen Überwachung und Überwachten entfällt. Künftig können die Nahrungsfirmen dem Staat bei ihrer eigenen Überwachung „helfen“ und „das zukünftige Lebensmittelsicherheitssystem in Europa“ sogar mit „gestalten.“

 

Für die Konzerne ist das natürlich erfreulich, für die Menschen eher weniger. Auch für die obersten deutschen Lebensmittelwächter vom staatlichen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin: Sie werden durch Ursula von der Leyens EU beim Zukunftsprojekt Food Safety 4EU degradiert, verpartnert und auf eine Ebene gestellt mit dem italienischen Nudel-Konzern Barilla, dem finnischen Verband der Nahrungsindustrie und dem Verband der europäischen Malzindustrie.

 

Ins federführende „Konsortium“ des EU-Lebensmittelsicherheitsprojekts haben es, immerhin, andere staatliche Institutionen geschafft, aus Belgien etwa oder Finnland, auch Universitäten.

 

Prominent vertreten aber sind vor allem die Produzenten des Ungesunden, etwa mit dem mächtigen Industrieverband FoodDrinkEurope, auch dem umstrittenen International Life Sciences Institute (Ilsi), der weltweit einflussreichsten Lobbyorganisation von großen Konzernen wie Nestlé, Unilever und Danone, McDonald’s, Mars und Südzucker, Pepsi Cola, Red Bull.

 

Der Bock als Gärtner 

 

Und, noch schöner: Für die Öffentlichkeitsarbeit zum neuen Lebensmittelsicherheitsprojekt FoodSafety4EU hat Ursula von der Leyens EU-Kommission eine ganz besondere Truppe auserkoren. Sozusagen eine getarnte Spezialeinheit für interessensgeleitete Desinformation, getragen ebenfalls von den Produzenten des Ungesunden wie Pepsi Cola, Ferrero und Mars, Nestlé, Unilever  und sogar dem Köttbullar-Giganten Ikea.

 

Die Tarnung ist ziemlich perfekt: Sie kommt daher wie eine offizielle EU-Institution, wird auch bezahlt von den EU-Steuerbürgern, und ihr Name klingt absolut amtlich: Europäischer Lebensmittelinformationsrat (European Food Information Council, kurz EUFIC).

 

Die Irreführung der Öffentlichkeit beginnt schon mit der Vorstellung dieses Konzern-Klubs durch die EU als „gemeinnützige Organisation“, die „zugängliche, ansprechende und umsetzbare wissenschaftlich fundierte Informationen zu Ernährung und Gesundheit anbietet“. Jetzt im Oktober darf die PR-Truppe der Industrie im Rahmen von Food Safety4EU in einer großen Kampagne zu Zusatzstoffen ihre Meinung zur Chemie im Essen als offizielle EU-Position verbreiten.

 

Bei vielen anderen EU-Projekten ist dieses Sprachrohr der Industrie ebenfalls mit an Bord, bei Ursula von der Leyens Gruselfood-Innovationsprogramm gar als „Partner“. So bringt die Europäische Union im Info-Krieg um die Nahrung die Industrie in eine strategisch günstige Lage. Ein Super-Service für die Lobby: Der Bock wird zum Gärtner gemacht, bekommt sogar eine Dienstmütze und darf im Garten mit seinem Geblöke den Ton angeben.

 

Bei Lebensmitteln hat die Demokratie Pause

 

Es ist kein Versehen, keine Spezl-Wirtschaft oder Amigo-Politik, wie das früher hieß, also ein Fraternisieren von einzelnen Akteuren aus Staat und Wirtschaft. Es ist ein ganz neues Herrschaftssystem: die institutionalisierte Lobbykratie als politische Gestalt der Konzernherrschaft.

 

Es gibt auch einen Begriff dafür: Stakeholder-Kapitalismus.  Geprägt hat ihn Klaus Schwab, der Gründer und Chairman des Davoser Weltwirtschaftsforums (WEF), zunächst bezogen auf Unternehmen, die nicht nur die Interessen ihrer Aktionäre („Shareholder“) im Blick haben sollten, sondern auch die der anderen Betroffenen („Stakeholder“): Mitarbeiter, Zulieferer, Gesetzgeber, die ganze Gesellschaft.

 

Eigentlich eine gute Idee.

 

Doch mittlerweile hat das Prinzip auch die Politik erreicht. Und hier sollten, jedenfalls in Demokratien, die Wähler das Wort haben, und nicht irgendwelche finanzstarken Interessensgruppen.

 

Gerade in den internationalen Entscheidungsgremien aber hat sich die Macht der von niemandem gewählten „Stakeholder“  stetig vergrößert, etwa bei der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa oder der faktischen Weltregierung in Sachen Lebensmittel, dem „Codex Alimentarius“ der Vereinten Nationen, wo die Nahrungskonzerne bei den Entscheidungen gleich mit am Tisch sitzen dürfen, immer nach dem Grundsatz: Wenn es um Lebensmittel geht, hat die Demokratie Pause.

 

Von den Medien wird das demokratiegefährdende, vielleicht auch schon postdemokratische Zusammenspiel nicht problematisiert, geschweige denn kritisiert.

 

Seltsame Mitbewohner 

 

Vor allem, wenn es scheinbar um das Gute geht, wie demnächst im ägyptischen Ferienort Sharm El Sheikh, bei der Weltklimakonferenz. Die Ernährung spielt da natürlich eine ganz zentrale Rolle. Und Ursula von der Leyens Innovationstruppe wird dort sogar Gastgeber sein, im Food Systems Pavillon, gemeinsam mit Partnern und Freunden, die ebenfalls ihre Ideen zur Welternährung präsentieren. Zum Beispiel das „schlachtfreie Fleisch“, jenes Frankenstein-Projekt eines Mitbewohners im Pavillon namens Aleph Farms, für das Zellen von echten Kühen genommen und außerhalb des Körpers vermehrt werden.

 

Viele der dort versammelten Player im Wettstreit um die Zukunft der Welternährung sind sehr einflussreich, aber auffallend unbekannt. Es ist eine unübersichtliche Szene, in der Ursula von der Leyens EU-Food-Innovatoren sich da bewegen, viele der Gruppen und Verbände sind oft wechselseitig miteinander verbandelt, in Kooperationsgebilden verschachtelt. Erst bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass ziemlich prominente Namen dahinterstecken.

 

Niemand kennt zum Beispiel die Food and Land Use Coalition, oder die Food System Economics Commission, doch tiefer im Geflecht dieser Koalitionen der Willigen finden sich dann doch die berühmteren "Stakeholder", bei einer Organisation mit dem passenden Namen EAT etwa tauchen sie auf als „strategische Partner“: Die Food-Multis Danone und Nestlé, der Enzym-Riese Novo Nordisk, der weltgrößte Kantinen-Konzern Compass Group.

 

Sponsor des Pavillons ist übrigens Klaus Schwabs Weltwirtschaftsforum (WEF), und zu den „Freunden“ zählt unter anderem das World Business Council for Sustainable Development (WBCSD). Dazu gehören wiederum Firmen wie Nestlé und Danone, auch Unilever und McDonald’s, dazu Aromenkonzerne wie Givaudan und Symrise, der Vitamin-Weltmarktführer Dupont, Chemiekonzerne wie Bayer, BASF, Syngenta, der Zigarettenriese Philip Morris und die übrige Crème de la Crème des globalen Kapitalismus, von Amazon und Apple über BMW, Mercedes, Mitsubishi bis zu Toyota und Volkswagen, natürlich auch Google, Microsoft.

 

Nicht auszuschließen, dass manche von ihnen möglicherweise nicht nur das Wohl des Planeten im Blick haben, sondern auch ihr eigenes, und das ihrer Aktionäre.

 

Sehr mächtige Unterstützer haben weitere Organisationen, die ebenfalls eher unbekannt sind: Die „Global Alliance for Improved Nutrition (GAIN)“ etwa, die sich für Vitaminisierung der Nahrung stark macht. Oder die "Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA)", die sich für industrialisierte Landwirtschaft in Afrika engagiert (siehe DR. WATSON News vom 1. November 2021.

 

Sie werden gefördert vom großzügigsten Gönner, den die Welt kennt: Bill Gates mit seiner Stiftung.

 

Der Preis ist heiß - mit verstecktem Hintersinn?

 

Jüngst erst hat er auch Ursula von der Leyen ausgezeichnet, von den Medien leider nicht angemessen gewürdigt, obwohl es völlig gratis umfangreiches Text- und Bildmaterial gegeben hat, inklusive einem eindrucksvollen Video von der Preisverleihung.

 

Den Preis bekam die EU-Kommissionspräsidentin, so die ausführliche Begründung, vor allem für ihre Mitwirkung in ihrer weltweiten Corona-Impfkampagne, inklusive einem 300-Millionen-Euro-Zuschuss aus europäischen Steuergeldern für Gavi, die gemeinsame Impf-Allianz diverser Weltorganisationen sowie  der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Aber auch für ihren Einsatz zugunsten der großen Ziele der Vereinten Nationen für eine gerechtere und gesündere Welt bis 2030, die sogenannten Global Goals, weswegen der Preis auch „Goalkeeper-Award“ genannt wird, also: „Torhüter-Preis“.

 

Und hier lauert womöglich so etwas wie ein sprachlicher Hintersinn: So soll doch ein Torhüter gerade verhindern, dass ein Tor geschossen, also das „Ziel“ erreicht wird.

 

Vielleicht war hier der Weltgeist am Werk, der listig darauf verweist, dass mit diesen Methoden sein Planet nicht zu retten ist. Und der Goalkeeper-Preis der Gates-Stiftung offenbart also gewissermaßen implizit, dass mit Ursula von der Leyens Methoden die Welt nicht gesünder und gerechter wird.

 

Zum Beispiel mit Gruselfood: Die harten wissenschaftlichen Fakten sprechen bekanntlich dafür, dass gerade die industriellen Nahrungs-Innovationen der Gesundheit eher schaden, und zugleich auch dem Planeten.

 

Im übrigen werden neun von zehn Startups zum Flop, auch finanziell. Sicher auch bei Frankenstein-Food. Das Risiko-Kapital verschwindet im Nirwana. Glück für Ursula von der Leyen: Es ist nicht ihr eigenes, sondern nur das der EU-Steuerzahler.  

 

Gerecht ist das allerdings auch nicht.