Zurück

Schmutzimpfung

Mehr Dreck wagen: Eine Impfung mit Schmutzpartikeln soll Kinder vor Allergien und anderen sogenannten Autoimmunkrankheiten schützen. Ärzte setzen damit die Erkenntnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen in eine Geschäftsidee um:  Kinder, die auf Bauernhöfen leben, im Stall spielen und Rohmilch trinken, sind am besten vor Allergien geschützt und auch generell gesünder.  Denn durch den Kontakt mit dem Schmutz ist das Immunsystem der Kinder besser ausbalanciert.

 

Die moderne Umwelt der Kinder aber wird immer hygienischer. Sie haben keinen Stall im Haus, und auch sonst kaum Kontakt zu immunstärkenden Mikroben. Vor allem die industrielle Nahrung, sowohl die Säuglingsnahrung aus dem Fläschchen als auch die Babygläschen, ist absolut sauber und rein, steril, damit sie die Supermärkte länger verkaufen können. Weil dadurch Sparringspartner fürs Immunsystem der Kinder fehlen, soll jetzt die Schmutzimpfung sie liefern.

 

Die Bauernhof-Forscher um die Münchner Professorin Erika von Mutius von der Ludwig-Maximilians-Universität München haben sich schon einen „Stallstaub-Extrakt zum Schutz vor Allergien“ patentieren lassen (EP 1 637 147 B1), gemeinsam mit der Bochumer Firma Protectimmun GmbH, die das Produkt vermarkten soll. Geplant ist etwa ein Nasenspray.

 

Sie wollen den Schmutz, den sie als Schutz gegen Allergien betrachten, den Babys künstlich zuführen. »Wir haben Dreck im Stall abgekratzt und daraus Extrakt gewonnen«, berichtete Forscherin von Mutius bei der Vorstellung der Schmutz-Kampagne in Berlin.

 

Das Patent beschreibt auch den Gewinnungsvorgang („Der Staub kann mit Hilfe jeder Art von Aufnahmesystem gesammelt werden, also durch Zusammenkehren, Aufsaugen, Abwischen und ähnlichem“).

 

Von Mutius arbeitet, wie auch Forscherkollegen aus Österreich und der Schweiz, seit Jahren an Studien, die in immer neuen Aspekten die Erkenntnis variieren, dass jene Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, im Vergleich zu Stadtkindern seltener an Allergien leiden. »Wir gehen heute davon aus, dass das lernfähige Immunsystem der Kinder früh herausgefordert werden muss, damit es eine gesunde Balance zwischen Toleranz und Abwehr lernt«, sagt von Mutius. So sind sie auf die Idee mit der Impfung verfallen.

 

Naturnähere Ernährung wäre womöglich effektiver – und weniger riskant. Denn der Dreck-Extrakt soll mit Bakterien versetzt sein, möglicherweise gefährlichen Krankheitserregern.. 

 

Naturnahe Nahrung hingegen präpariert das Immunsystem auf sanftere Weise. Muttermilch zum Beispiel, die naürlichste Nahrung für den Säugling, wirkt wie eine Stärkung fürs kindliche Immunsystem.

 

Schluck für Schluck erhält das Baby Abwehrstoffe gegen all die Krankheiten, die die Mutter zeit ihres Lebens durchgemacht hat. Muttermilch liefert jede Menge Antikörper, die körperfremde Stoffe erkennen, blockieren und so das Risiko, an einer Lebensmittelallergie zu erkranken, um mehr als 50 Prozent senken können.

 

Auch nach dem Stillen muss das Kind nicht die sterile Gläschenkost futtern. Statt einer Impfung mit Schmutz könnte man den Kleinen auch einen selbst gemachten Brei geben. Bananen, Karotten und Äpfel statt einer Schmutzimpfung mit potenziell gefährlichen Bazillen.

 

Grundsätzlich enthält echtes Essen, die traditionelle Ernährung, eine gewisse Dosis Leben, Mikroben in ungefährlicher Menge. Auf der anderen Seite wird industrielle Nahrung bei der Produktion erhitzt, so das vor allem die ultra-verarbeitete Nahrung oft sogar völlig steril ist, wie etwa die Babygläschen am Beginn des Lebens. 

 

Auch bei der Milch gibt es mehrere Abstufungen, von der Rohmilch ab Kuh bis zur "toten" H-Milch oder gar dem Pulver für die Säuglingsnahrung  aus dem Fläschchen. 

 

Ein bisschen Dreck hält mithin sogar der urbane Alltag bereit; es muss nicht gleich der Schmutz aus dem Spray sein.

 

 

Sie möchten die Arbeit von Dr. Watson unterstützen?

Jetzt spenden

Zusatzstoffe Datenbank

Mehr erfahren

Hintergründe

Mehr erfahren

Aktuelles

Mehr erfahren

Sie haben noch nicht das Richtige gefunden?

Dann können Sie auch den gesamten DR. WATSON durchsuchen:

! Hinweis

Das DR. WATSON Lexikon gibt keine medizinischen Ratschläge oder Empfehlungen. Das DR. WATSON Lexikon informiert über Nahrungsmittel – unabhängig, wissenschaftlich fundiert, verständlich. Und immer mit einer klaren Perspektive: Die Gesundheit und das Wohlbefinden der Konsumenten.

Das DR. WATSON Lexikon betrachtet auch die Rolle der Ernährungssysteme, auf der einen Seite die großen Konzerne mit der globalen industriellen Einheitskost, auf der anderen Seite die kleinen Bauern, Gärtner, Köche, die traditionelle Ernährung, etwa die mediterrane Kost, die als Königsweg gilt zu einem gesunden und langen Leben.

Es informiert über die Auswirkungen der Nahrungsmittel auf den menschlichen Organismus, insbesondere über die Folgen deren industrielle Produktion, auch auf, die Umwelt, den Planeten.

Das ist das neue Paradigma bei der Bewertung: Der Grad der Entfernung von der Natur.

Immer mehr Fachleute in aller Welt sehen dies als wesentliches Kriterium bei der Frage nach dem gesundheitlichen Wert der Lebensmittel.

Denn es ist ein großer Unterschied, ob ein Erdbeerjoghurt selbst gemacht wird, mit frischen Früchten, oder ob er aus dem Plastikbecher kommt. Und die Tiefkühlpizza ist ein völlig anderes Nahrungsmittel als das traditionelle Vorbild. Auch bei den Vitaminen ist es wichtig, ob sie aus einem Apfel kommen, oder aus der Corn-Flakes-Packung, oder gar als Pille aus der Apotheke, dem Drogeriemarkt oder dem Internet.

Es geht im 21. Jahrhundert nicht mehr bloß um Kalorien, um Nährstoffe und Schadstoffe, Viren und Bakterien, um Zucker, Fett, Vitamine.

Es geht auch um die Chemie im Essen, um Kollateralschäden der industriellen Produktion, sogar um die Verbindungen von Medien und einflussreichen Fachleuten zu Industriekonzernen – und um allfällige Schieflagen im Expertenurteil, die bei Konsumenten zu Fehlentscheidungen bei der Nahrungsauswahl und damit zu Gesundheitsproblemen führen können.

Das DR. WATSON Lexikon zeigt die Folgen der industriellen Herstellung von Nahrung –auch für die Gesellschaft, die einen immer größeren Aufwand treiben muss, um die zunehmende Krankheitslast zu bewältigen.

Die Industrialisierung der Nahrung hat auch Auswirkungen auf die Psyche, das Wohlbefinden, die individuelle Leistungsfähigkeit und das Verhalten.

Die industrielle Nahrungsproduktion stellt eine epochale Veränderung dar, nach Ansicht mancher Experten vergleichbar mit den Umwälzungen in jener Zeit, als die Menschen sesshaft wurden.

Es geht um uns alle, ganz persönlich, auch um unsere Kinder, deren Zukunft, die ganze Gesellschaft, sogar um die Tiere, die unter der Entfremdung von den natürlichen Grundlagen ebenfalls leiden.

Mehr Wissen über diese Veränderungen – und was sie für mich bedeuten: Das DR. WATSON Lexikon liefert die nötigen Informationen – und damit wertvolle Anregungen für den Weg aus der industriellen Ernährungsfalle.