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Campylobacter

Ein aufstrebender Krankheitserreger namens Campylobacter wurde zum häufigsten bakteriellen Auslöser von Durchfallerkrankungen. Er hat eine rasante Karriere hinter sich und die bisher weitaus prominenteren Salmonellen überholt. Besonders häufig erkranken Kinder unter fünf Jahren und junge Erwachsene. Auch bleibende Schäden sind möglich, bis hin zu schweren Lähmungen. Herzrhythmusstörungen können ebenfalls auftreten. In fünf Prozent aller Fälle endet die Krankheit sogar tödlich. Seine Ausbreitung wird durch die industrielle Massentierhaltung und den Stress in den überfüllten Ställen gefördert. Die gefährlichsten Mitglieder der Familie heißen Campylobacter jejuni und Campylobacter coli.

 

Campylobacter bringt es europaweit schon auf mehr als 200 000 Erkrankungen im Jahr. Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa rechnet mit einer hohen Dunkelziffer, die „tatsächliche Zahl von Fällen“ liege europaweit bei 9 Millionen im Jahr.

 

Das Hauptsymptom ist fiebriger Durchfall. 300 bis 400 Menschen sterben jedes Jahr daran, allein in Deutschland. Und Campylobacter kann auch zu dem mysteriösen Guillain-Barré-Syndrom führen, mit Lähmungserscheinungen in den Beinen, den Armen, im Gesicht, die immer wieder auftreten, dann wieder abklingen. Die Infektion mit Campylobacter gilt als wichtigste Ursache für das seltsame Syndrom.

 

Bei amtlichen Untersuchungen in Deutschland sind regelmäßig mehr als 50 Prozent der Hühnerproben mit Campylobacter belastet. Ähnliches ergaben österreichische Untersuchungen, und auch in der Schweiz sieht es nicht besser aus. Nach einer Erhebung der europäischen Efsa ist er bei mehr als 70 Prozent der Hühnchen in europäischen Schlachthöfen zu finden.

 

Die offiziellen Stellen raten vor allem zu „Hygiene“, im Stall wie auch in der Küche, und etwa „nach dem Berühren von Hühnereiern die Hände gründlich zu waschen“, so das Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). So ließen sich Infektionen mit Campylobacter, die Campylobacteriosen, »mit einfachen Mitteln vermeiden«.

 

Die wahren Ursachen sind natürlich nicht in der heimischen Küche zu suchen, sondern im industriellen Ernährungssystem. So könnten „Maßnahmen bei der Fleischproduktion“, das Risiko für die menschliche Gesundheit um mindestens 90 Prozentsenken, meint die Efsa.

 

Dass der Hauptgrund für die Zunahme der Erkrankungen die Zustände in der sogenannten Tierproduktion sind, ergab auch eine britische Untersuchung. Das Zentrum für Epidemiologie und Risikobewertung der Universität Bristol fand heraus, dass Hühner unter Stress stärker mit den gefährlichen Campylobakcer-Bakterien belastet sind. Professor Tom Humphrey und sein Team führen das auf eine erhöhte Produktion des Stresshormons Noradrenalin zurück. Dieses verändere die Eisenaufnahme der Tiere und fördere damit das Mikrobenwachstum, so die Veterinäre. Größter Stressfaktor sei dabei der Transport, insbesondere die Transportdauer sowie die Temperatur und Enge im Transporter.

 

Auch der beißende Gestank durch „Ammoniak in der Stallluft“ könnten das „Immunsystem schwächen und die Krankheitsanfälligkeit erhöhen“, diagnostiziert auch eine Untersuchung der eigentlich eher industrienahen Tierärztlichen Hochschule (TiHo) Hannover.

 

 „Gerade bei einer hohen Aufstallungsdichte“, so das DGS-Magazin, ein Fachblatt für Schweine- und Geflügelfabrikanten, hätten „Krankheitserreger ein hohes Potential, sich zu vermehren.“

 

Die Experten sprechen daher auch von sogenannten Faktorenkrankheiten. Das bedeutet: Nicht die Bakterien sind verantwortlich für die Epidemien. Die Massentierhaltung sorgt für die krankheitsfreundlichen „Faktoren“ und ist somit der eigentliche Krankheitserreger.

 

Mitunter finden sich auf Bio-Fleischproben sogar mehr solcher Bakterien. Nach einer Untersuchung der Technischen Universität von Dänemark hatte bei Bio-Hähnchen jedes zweite Campylobacter im Leib, bei den konventionellen nur jedes fünfte.

 

Der Bio-Lobbyverband für ökologische Lebensmittel (BÖLW) rechtfertigte sich: Das liege daran, dass die Bio-Hühner häufiger ins Freie dürften. Dabei müsse leider „in Kauf genommen werden, dass Geflügel natürlichen Einflüssen“ und damit auch „natürlichen Keimen“ ausgesetzt wird. „Keime sind ein natürlicher Bestandteil der Umwelt“, rechtfertigt sich achselzuckend auch der Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft.

 

Der wahre Grund ist natürlich: Die zunehmende Massentierhaltung auch in der Bio-Branche (Bio).

 

Denn die Belastung mit Krankheitserregern ist umso höher, je mehr Tiere auf engem Raum leben. „Wir müssen uns damit ehrlich auseinandersetzen, dass es eben nicht dasselbe ist, ob man in einer Herde fünfzig Tiere hat, oder fünftausend“, sagte Professor Alexander Friedrich, Leiter der Abteilung für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums im niederländischen Groningen.

 

Das heißt: Je größer der Bio-Betrieb ist, desto größer sind die Gesundheitsprobleme. Grundsätzlich aber – zumal in kleineren Betrieben –, gibt es bei Öko weniger Antibiotika, und auch weniger resistente Keime. Das ergaben zwei Langzeitstudien der Freien Universität Berlin und der Technischen Universität München.

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